Ich möchte euch mitteilen bzw euch nahe bringen, wie es bei mir verlief mit einer alkoholkranken Person zu leben, umzugehen.

Anmerkung: Einige Namen, die ihr hier mit der Zeit lesen werdet, werde ich umbenennen, dass hat den einfachen Grund, dass ich nicht möchte, dass irgendwer der die eventuell kennt, zu denen hingeht und sagt „dudududu“. Ich hoffe, ihr versteht es. 🙂

Also: Meine Mama war zur damaligen Zeit als sie mich bekam 34 Jahre alt und (noch) berufstätig. 19 Jahre hat sie als Lohnbuchhalterin in einem Großunternehmen in Wuppertal gearbeitet. War stets glücklich mit das, was sie tat – also es war ihr Traumjob. Und wie es ja nunmal so ist, muss man dann als alleinerziehende Mutter schauen, wer auf sein Kind aufpassen könnte, während man arbeiten geht und das war in dem Fall meine Oma. Also passte sie auf mich – als Baby – auf. Jeden Tag. Ihr könnt euch das so vorstellen: Bevor Mama zur Arbeit fuhr, hat sie mich meiner Oma übergeben, meine Oma kümmerte sich um mich. Mama kam von der Arbeit holte mich ab und es ging nach Hause. Tag ein, Tag aus. Aus Erfahrung weiß jedes Elternteil wie „anstrengend“ ein Baby sein kann (nicht muss, kann – nicht falsch verstehen). Auch Oma wollte wieder ein wenig Zeit für sich haben. Als ich ca. 4 Jahre alt war sind wir von der großen Wohnung in eine kleinere in der selben Straße gezogen. Und ab da beginn der Abstieg allmählich.

Da meine Oma wie bereits erwähnt etwas Zeit für sich haben wollte, musste meine Mama von Voll- auf Teilzeit umsteigen, was ihrem inneren Ego gar nicht gut tat. Sie war immer eine Karrierefrau, die Arbeit war ihr sehr wichtig und die Abstufung von Vollzeit auf Halbtags, war ihr nicht geheuer – tat es aber wegen meiner Oma und wegen mir. Ich erinnere mich noch, dass sie immer Weinbrand mit Cola getrunken hat, wenn sie von der Arbeit kam und vor der Arbeit war immer ein großes Glas Rotwein mit einem Ei und Traubenzucker – angeblich für den Kreislauf.

So, ich war 4, wir waren in einer neuen Wohnung und Mama hatte keine Arbeit mehr. Später erzählte sie, sie hätte aufgehört, weil sie aus der Firma gemobbt wurde, was ich persönlich aber nicht glaube und nicht glaubte. Sie hatte große Angst, dass mir gesundheitlich, was passieren könnte, da ich ja schon Herzkrank gewesen bin und lachte sich einen Elektriker namens Hans an. Ca 3-4 Jahre waren sie sogar verheiratet. Ich verstand mich mit ihm nur teilweise, da ich das Gefühl hatte, dass er nicht der richtige für sie war und es hat sich später auch bestätigt. Geheiratet hat sie ihn nur – laut ihrer Aussage – wegen der Versicherung, damit ich versichert bin. Er schaute gern tief ins Glas und meine Mama auch, aber bei ihr war es noch nicht so schlimm, dass sie wie er so geschwankt und gelallt hat. Aufgrund einiger schwierigen Erlebnisse hat sich meine Mama wieder scheiden lassen.

Meine Mama war ein sehr eitler Mensch, sie war einfach zu stolz und sich zu fein fremde Hilfe anzunehmen. Es ging sogar soweit, dass wir schon Mietmahnungen erhalten haben und fast obdachlos gewesen wären, hätte mein Opa meiner Mutter keinen Kredit angeboten. Mir wurde erst so mit 10 Jahren klar, wie sehr sich meine Mutter verändert hatte. Völlig halluzinierend (sie sah Katzen, die nicht da waren) fuhr sie mich auch noch zur Schule. Sie halluzinierte auch noch Zuhause. Da musste ich auch bereits irgendwelche Tiere „wegfuchteln“, damit sie keine Angst mehr hatte. Dann lernte sie die Nachbarn Petra und Johannes kennen. Beide Frührentner und mit dieser Bekanntschaft, kam der Ouzo ins Spiel. Sie hatte sich immer rausgeputzt, geschminkt und sowas, dass ließ halt mit der Zeit einfach nach. Ihre Dauerwelle, die sie von der Oma immer gemacht bekommen hat, war nicht mehr relevant. Wenn Familienfeiern anstanden, hat sie sich zurückgezogen und wenn sie dabei war, war sie betrunken. Es war mir ultra peinlich, wenn sie sich so daneben benommen hat, aber als 10-Jährige kann man nichts dagegen tun, außer es zu ertragen.

Die erwähnten Nachbarn tranken Bier und Ouzo. Johannes bat meiner Mutter an doch ein Glas Ouzo mit ihm zu trinken und meine Mutter verneinte es leider nicht. Sie mischte es wie beim Weinbrand mit Cola und fand gefallen daran, es gefiel ihr so sehr dass sie sich sogar 2-3 Flaschen besorgt hat um dann Zuhause es auch zu trinken. Aus den 2-3 Flaschen wurden es paar Jahre später 6-10 Flaschen. Sie wurde zunehmender aggressiver, depressiver und ihr Gesundheitszustand ging auch rapide den Bach runter. Sie litt schon immer an Nierencholiken und die wurden natürlich durch den Alkohol nicht besser sondern schlimmer. Ich als IHR Kind musste mitansehen, wie sie auf dem Boden lag und vor Schmerzen sich krümmt. Ich wollte ihr immer helfen, bat ihr auch immer meine Hilfe an, aber sie lehnte immer nur ab und wenn ich Hilfe holen wollte, drohte sie mir mit Prügel. Ein Tag später wo es wieder einigermaßen so ging, machte sie mir Vorwürfe warum ich ihr nicht half. Alles was ich sagte stimmte nicht und war erlogen. Fast jeden Tag war sie bei den Nachbarn oben. Sie tranken und tranken. Einmal war es so heftig, dass sie sogar die Treppe herunterfiel und ich nur noch am heulen war. Der Gedanke jetzt bringt mich noch heute zum weinen. Aber sie rappelte sich jedesmal auf und es ging weiter seinen gewohnten Weg. Sie stimmte es außerdem sehr traurig, dass ich in der Schule nicht die Leistung erbrachte, die sie sich wünschte. Sodass sie mir dann immer das Gefühl gegeben hat, dass ich ein dummer, wertloser Mensch bin.
Als Petra an Krebs verstorben ist, wurde es mit meiner Mama nur noch schlimmer. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich nun in eine depressive Phase hineingebracht hat, denn jeden Abend musste sie mir indirekt mitteilen, dass sie sterben wollte. „Lieber Gott, bitte lasse mich nicht mehr aufwachen. Bitte lasse mich einfach einschlafen und nie wieder aufwachen.“, dass waren ihre Worte, die ich mir immer zum Bett gehen anhören musste. Als ich ca. 15 Jahre alt war habe ich versucht sie von diesem Alkohol fern zu bekommen. Ich habe sie im Discounter, wo wir immer einkaufen waren, bloßgestellt um ihr zu zeigen, dass das was sie macht verkehrt ist. Aber letztendlich war es für mich verkehrt, denn ich wurde wieder abgrundtief beleidigt und beschimpft. Ich seie doch ein Nichtsnutz und wäre doch sowieso eine Fehlentscheidung gewesen. Das durfte ich mir wer weiß nicht wie oft anhören und irgendwann hat man keine Lust mehr darauf. Meine Mama war vom körperlichen schon sehr heruntergekommen, aber auch vom charakterlichen. Die letzten Jahre gab es keinen Tag mehr wo sie mal nicht betrunken war. Sie schlug sich öfters den Kopf auf, die Rippen waren angeprellt und sowas halt. Ihr könnt mir glauben, dass ich diese Bilder nicht aus meinem Kopf bekomme.. Dann lernte ich meinen damaligen Freund kennen, wo ich meine Chance zu entfliehen gesehen habe. Sie akzeptierte ihn nicht und er sie nicht, da machte es mir natürlich nicht einfacher. Anfangs fuhr ich immer am Wochenende zu ihm und Sonntagsabends wieder zurück zur Mama. Ich wollte aber nicht mehr zurück zu ihr, ich habe immer irgendwelche Wege gesucht und gefunden um nicht bei ihr zu sein. Seine Familie war richtig herzlich und familiär.

Ich entschloss mich mit meinem damaligen Freund zusammenzuziehen, aber dennoch meine Mama zu besuchen. Anfangs ging das auch alles gut, nur bis zu einem gewissen Tag nicht mehr, wo sie es einfach nicht verstanden hatte, dass ich mal keine Lust hatte, zu ihr zu fahren. Während sie mich wieder auf tiefste beschimpfte legte ich auf und brach den Kontakt entgültig ab. Es wurde mir einfach zuviel. Diese knapp 3 Jahre brachen mir das Herz, aber ich fand keinen anderen Ausweg als diesen.

Dann trennte ich mich von meinem damaligen Freund und zog in eine eigene Wohnung und begann eine Ausbildung mit 23 Jahren. Aus irgendeinem Zufall schrieb mich eine Bekannte an, dass ich doch mal meine Oma anrufen soll, zu der ich auch den Kontakt abgebrochen hatte, da meine Mutter meine Oma gegen mich aufhetzte. Instinktief rief ich als erstes meine Mama an, aber die Nummer war nicht mehr vergeben. GOTT BLIEB MIR DAS HERZ STEHEN! Daraufhin rufte ich meine Oma an und sie wusste erst gar nicht wer ich bin. Erst als ich sagte, wer ich bin freute sie sich auf einmal und überbrachte mir auch direkt die Nachricht, dass meine Mama im Krankenhaus sei und sich umbringen wollte. Lasst das mal auf euch wirken. Eure Mutter wollte sich wegen dir umbringen, weil du sie allein gelassen hast. Mir war es als ob ich mich auch umbringen wollen würde, so ein schlechtes Gewissen hatte ich hinterher. Ich hatte zwar am nächsten Tag Frühschicht, aber es war mir Piepegal, ich fuhr dennoch zur meiner Oma. Sie war happy. Ich schlief eine Nacht bei ihr, weil sie nicht mehr wollte, dass ich so spät nach Hause fuhr. Wir machten auch einen Tag aus, wo wir gemeinsam ins Krankenhaus gehen um Mama zu besuchen. Oh Himmel, war ich nervös.. Aber eins hatte ich mir geschworen, macht sie mich nochmal so doof von der Seite an, wäre ich wieder gegangen und das wusste auch Oma. Oma ging also vor ins Zimmer und sagte „Bärbelchen, ich habe hier wen mitgebracht“ und gab mir ein Zeichen. Als ich das Zimmer betrat und meine Mama sah, konnte ich nicht glücklicher sein. Sie umarmte mich. Ich wusste ab da, dass ich wieder da sein muss und mich um sie kümmere, egal was kommen mag. Und ich hielt mein Wort.

Aber eins war mir sehr sehr wichtig: Sie hat sich von SICH AUS ENTSCHULDIGT! Ohne irgendwelche Aufforderungen oder so. Aus freien Stücken und ich habe es nicht bereut, mich wieder mit ihr zu vertragen. Sie war ab diesem Zeitpunkt wirklich wie eine Mama zu mir, sie umarmte mich und meinte es auch noch ehrlich. Ein ganzes Jahr hatte ich sie bei mir wieder. Ein größeres Geschenk hätte man mir nicht machen können und dann 5 Tage nach meinem Geburtstag verstarb sie. Ich rief sie an, weil ich in diesem Zeitpunkt selbst wieder in einem Umzug zu meinem jetzigen Wohnort stand und sie ging mit schmerzerfüllter Stimme dran und war nur noch am weinen und schreien. Sie bat mich aufzulegen, da sie sich einen Tee machen wollte, ich stimmte zu und lag auf. Ca. eine halbe Stunde später rief ich nochmal an, weil ich ihr einen Notarzt organsieren wollte, aber sie war am Telefon so gefasst, dass man meinen könnte, sie hätte NIE was gehabt. Sie wollte keinen mehr sehen und nur noch ihre Ruhe haben. Als ich auflegte, musste ich erstmal heulen. Oma habe ich danach angerufen und gefragt, ob sie wüsste was mit Mama wäre, sie meinte dass Mama gesagt hätte, dass sie keinen mehr sehen wollen würde, und das Oma morgen nach ihr schauen sollte. Erst war mir nicht bewusst, was sie sagte, aber hinterher wurde mir klar, dass Mama am sterben war. Quasi hatte ich den Tod bereits am Telefon. Ich beruhigte meine Oma und meinte, dass Oma doch morgen – also am nächsten Tag – zu Mama gehen sollte. Am nächsten Tag war ich dann in meiner Wohnung um noch paar Kleinigkeiten zu erledigen und dann schrieb mich meine Cousine an, dass ich am nächsten Tag evtl nach Wuppertal fahren müsste. Ich dachte mir erst, dass Mama endlich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wegen ihren Schmerzen. Mein Onkel also von meiner Cousine der Vater rief mich dann und teilte mir mit, dass Mama verstorben ist.. Ihr könnt euch vorstellen wie es mir ergangen ist.. Ich habe geschrien, habe meine Wohnung halb zertrümmert vor Traurigkeit.. Ich habe die Beerdigung meinter Mama eingeleitet und organisiert und als das alles beendet war, war ich am Boden.. Komplett zerschossen und ab da fängt mein innerliches Chaos an, woran sich die Tagebücher und meine Therapie anschließen wird.